ETHNOGRAPHISCHE EXPEDITION AUF DEM FLUß AGAN im Gebiet der Surguter Chanten, Westsibirien

ETHNOGRAPHISCHE EXPEDITION AUF DEM FLUß AGAN im Gebiet der Surguter Chanten, Westsibirien

1999

erschienen in: Veröffentlichungen der Societas Uralo-Altaica Bd. 51. Europa et Sibiria.S.139. Wiesbaden 1999

Seit längerer Zeit machen Wissenschaftler und Menschenrechtler auf das Verschwinden kultureller Verschiedenartigkeit aufmerksam, welches besonders gravierend in Gebieten stark forcierter Industrialisierung und Umweltzerstörung zu beobachten ist. Dieser Prozess läuft zur Zeit in zunehmendem Maße auch in Westsibirien im Autonomen Gebiet der Chanten und Mansen ab.

 

In diesem Gebiet, das sehr stark von der Erdölindustrie beherrscht wird, in dem Umweltzerstörung und Kulturverlust immer weiter fortschreiten, machten sich daher Indigene selbst auf den Weg, um altes Wissen zu erinnern und aufzuzeichnen, und es so für alle nachfolgenden Generationen zu bewahren.
Allgemein kann man in der Ethnologie die neue Tendenz feststellen, immer mehr indigene Experten selbst zu Wort kommen zu lassen, deren eigene, innere Sichtweise als solche auch zu akzeptieren. Der europäische Ethnologe stellt sich dabei als Vermittler zwischen den Kulturen dar, nicht als paternalistischer Forscher und Sammler.

Im Frühjahr 1996 wurden wir, zwei Studenten der Ethnologie aus Berlin, durch einen unerwarteten Telefonanruf von Jurij Vella – waldnenzischer Rentierzüchter und früherer Leiter des ethnographischen Museums in Varjogan – eingeladen, an einer für Anfang August auf dem alten Postweg zwischen den Dörfern Varjogan und Agan mit ortskundigen Dorfbewohnern geplanten Expedition teilzunehmen.
Jurij Kylevich Ajvaseda (Vella) ist einer der Aktivisten der Bewegung der indigenen Völker Sibiriens für ihre kulturelle und politische Selbstbesitmmung. Er studierte am Moskauer Gorkij-Institut Literatur, nachdem er schon verschiedene Berufe, u.a. als Jäger und im Schulinternat ausgeübt hatte.
Nach der Perestrojka konnten zwei Bändchen mit seinen Gedichten erscheinen.
Jurij Vella gründete in seinem Heimatdorf ein ethnographisches Museum, in dem die indigene Bevölkerung selbst Zeugnisse ihrer eigenen Kultur sammelt und nutzt.
Am Anfang der 90er Jahre zog Jurij Vella mit seiner Familie und einer kleinen Rentierherde in die Taiga, um die traditionelle Form der Landnutzung und damit die Kultur der Taigabewohner am Leben zu erhalten.
Er war immer wieder Initiator von Protesten der Urbevölkerung gegen die rücksichtslose Vernichtung von Rentierweiden durch die Erdölindustrie. 1990 wurde eine Straße durch das Aufstellen des Nomadenzeltes blockiert, später ein Nomadenzelt direkt vor dem Gebäude der Administration in Radushnyj, dem Rajonzentrum, und im letzten Jahr in der Gebietshauptstadt Chanty-Mansijsk aufgestellt, um die Öffentlichkeit von den Forderungen der Indigenen zu informieren.
Der Fluß Agan (agen jagun), Nebenfluß der Ob’ (as’) zwischen den Flüssen Tromjugan (tórem jagun) und Wach (wach jagun), mündet kurz vor Surgut in die Ob’. Er windet sich durch ein Sumpf- und Seengebiet der westsibirischen Tiefebene. Aufgrund seines geringen Gefälles ist er stark mäandrierend; man findet ein weites Netz von Altarmen, Verzweigungen, Nebenflüssen und Verbindungen zu Seen und Sümpfen. Früher war der Fluß sehr fischreich, an seinen Ufern lebten zahlreiche chantische Familien fast ausschließlich von Fischfang.
Die industrielle Überfischung der Ob’ sowie die Wasserverschmutzung durch die Erdölindustrie verminderten den Fischbestand so drastisch, daß in den 70er Jahren selbst die staatlichen Fischannahmestellen schließen mußten.
Die Auswirkungen der ökologischen und sozialen Veränderungen in der Region sind inzwischen überall zu spüren. Es gibt keine abgelegenen, von der Ölförderung unberührten Gebiete mehr. Auch die letzten Rückzugsmöglichkeiten der traditionell von Rentierzucht, Jagd und Fischfang lebenden Chanten und Waldnenzen befinden sich im engen Griff der Erdölindustrie.
Viele Familien leben heute ständig in den von der Sowjetregierung angelegten Dörfern. Beispiele dafür sind die Dörfer Warjogan und Agan. In den 30er Jahren, im Zuge der Umsiedlungskampagnen Stalins errichtet, wurden sie in den 70er Jahren stark erweitert, als mit aller Macht versucht wurde, die halbnomadisch lebenden Familien in kontrollierbare Siedlungen zusammenzufassen.
Man findet dort die typischen Probleme, die mit der erzwungenen Übernahme nichttraditioneller Lebensweisen verbunden sind: Identitätsverlust, Vergessen der eigenen Sprache und Übernahme des Russischen, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus – seit der Perestrojka aber auch erstarkende Bestrebungen zur Bewahrung und Wiederbelebung der eigenen Kultur und Lebensweise.
Die Expedition auf dem Fluß Agan war im Gegensatz zu anderen, mehr politisch orientierten Aktionen in erster Linie auf die Formulierung der eigenen kulturellen Identität ausgerichtet.
Teilnehmer waren vor allem Bewohner des Dorfes Varjogan und dessen Umgebung, sowohl Waldnenzen als auch Chanten: Egor Stepanovich Kazamkin, seine Frau Anisja Ivanovna Kazamkina, Viktor Romanovich Ajpin, seine Frau Kapitolina Nikolajevna Ajpina sowie Polina Vaziljevna Kazamkina waren die wichtigsten Experten bei der Rekonstruktion der Toponymie und brachten ihre reichen Kenntnissse der lokalen Geschichte ein. Jurij Kylevich, Lena Fjodorovna und Aelita Ajvaseda repräsentierten das Archiv der Waldnenzen und trugen die Hauptlast der Aufzeichnungen des gesammelten Materials, sowohl in schriftlicher Form, als auch auf Videoband. Sascha Ajpin machte Videoaufzeichnungen für das Museum in Varjogan. Soja Sopotschina, ihr 5jähriger Sohn Tolik Russkin und Nelja Kechimova waren Gäste vom Tromjugan, die seit längerem an einem Nebenfluß des Agan leben und deshalb engen Kontakt nicht nur zu den Chanten und Waldnenzen am Agan, sondern auch zu den Heiligtümern am Agan pflegen. Shenja und Valera Ajpin transportierten in ihren Motorbooten den Proviant. Der Chef der Administration von Varjogan, Vladimir Taljovich Ajvaseda und seine Frau Polina Aljovna begleiteten die Expedition eine Zeit lang und regelten organisatorische Probleme.
Desweiteren wurde die Expedition von einem Surguter Fernsehteam begleitet, der Regisseurin Olga Kornienko und einem Kameramann. Die Texte und Kommentare dieses Dokumentarfilmes sollen ausschließlich in chantisch abgefaßt werden.
In den Tagen vor dem Aufbruch der Expedition hatten die Bewohner Varjogans ihren Verwandten und Freunden Briefe geschrieben und Päckchen gepackt, die der ‘Postbote’ Jegor Stepanovich unversehrt überbringen sollte. Ein Brief wurde – zum Vergleich der Zuverlässigkeit – mit der staatlichen Post geschickt.
Die Teilnehmer der Expedition fuhren die Strecke von etwa 200km mit den Oblas’, den leichten, knapp 2m langen chantischen Einbäumen (aj ryt), die mit einer ganz speziellen Technik aus den relativ kleinen Kiefern der Waldtundra hergestellt werden.
Die Route der Expedition war der ehemalige Postweg auf dem Fluß Agan. Als die Dörfer noch nicht mit Straßen verbunden waren, fuhr der Postbote im Sommer mit dem Oblas’ von Varjogan bis in die Stadt Surgut, er benötigte für die Strecke von über 400 km nur ca.5 Tage. Im Winter wurde die Post auf Rentierschlitten geradewegs über die zugefrorenen Seen und Sümpfe befördert.
Die Bewohner des Flusses und seiner Umgebung hatten sehr genaue Kenntnisse über die Topographie der Gegend. Dieses Wissen war auch unumgänglich, um sich auf möglichst kürzestem Wege und kraftsparend fortzubewegen: Lange Mäander können abgekürzt werden, indem man die Boote an bestimmten Stellen, die immer von umgefallenen Bäumen und Unterholz freigehalten, z. T. auch begradigt wurden, über das Land schleppt. Besonders flußaufwärts vermeidet man, gegen die Stömung zu fahren; die Wege führen dann über das stehende Wasser von Altarmen und Seen, wobei man sich oft den ganzen Tag vom Fluß entfernen muß, sowie entlang von Nebenflüssen, mit der Strömung.
Auf unserem Weg besuchten wir verlassene Wohnplätze, alte Friedhöfe, versuchten die Reste von Fischanahmestellen und Versorgungspunkten aufzufinden und dokumentierten mit Zeichnung und Beschreibung archäologische Denkmale. Am Abend jeden Tages wurden auf den sehr genauen Lotsen-Karten die chantischen und zum Teil waldnenzischen Bezeichnungen aller Flußabschnitte sowie Wohnplätze und die Namen der einst dort ansässigen Familien, soweit sie erinnert werden konnten, eingetragen.
Anhand der Aufzeichnungen kamen wir auf einst 35 Wohnplätze entlang des Flusses, von denen jetzt nur noch einer bewohnt ist. Zwei weitere Familien leben noch an Nebenflüssen des Agan.
Am vierten Tag unserer Expedition übernachteten wir in der Nähe des heiligen Platzes der Agan-Imi (agan-imi), am nächsten Morgen wurde ein pori – ein unblutiges Opfer – abgehalten. In eine junge Birke wurden Tücher gehängt, ein weißes als Opfer für die agan-imi, eines mit roter Farbe für den Wald-Alten (wont- iki) und ein dunkles wurde dem Tod (sjorem) auf den Boden gelegt. Ein Festmahl wurde bereitet und Tee gekocht, nach dem Gebet, gesprochen von Jegor Stepanovich, nach gemeinsamen Verbeugungen und Drehungen um sich selbst – im Sinn der Sonne – das geweihte Essen fröhlich verzehrt.
Von den Tüchern bekam jeder Mann einen Streifen, den er in der heiligen Ecke seines Hauses aufbewahrt, die Tücher selbst wurden eingepackt, dem Hüter des heiligen Platzes der agan-imi mitgenommen, der sie dann in den heiligen Speicher bringt.
Der Hüter des heiligen Platzes der agan-imi wohnt auf dem Wohnplatz der Tylchins. Etwa 50km von dort entfernt wurde vor 10 Jahren die Stadt Pokachi errichtet – den sieben auf dem Platz ansässigen Familien brachte die Nähe zur technischen Zivilisation Elektrizität und Telefonanschluß.
Im Dorf Agan erwartete man die Expeditionsteilnehmer im Museum. Die Briefe und Päckchen wurden ausgepackt – wie sich herausstellte, war der per Post geschickte Brief noch nicht angekommen!
Der Rückflug erfolgte mit dem Hubschrauber.
Das Ziel der Expedition bestand unter anderem auch in der Aufzeichnung der Mikrotoponymie für den Abschnitt des Flusses Agan zwischen den Dörfern Varjogan und Agan, die es in dieser Vollständigkeit für das Surguter Gebiet noch nicht gibt. Zusammen mit den indigenen Experten vervollständigt und übersetzt wäre es auch für die Finno-Ugristik eine wertvolle Ergänzung zu den von R. Radomski zusammengestellten ostjakischen Ortsnamen.

*Der Film “Putjem Hozjajki Agana” war im Sommer 1998 fertiggestellt und im Surguter Fernsehen gezeigt worden. Leider doch nur mit russischen Kommentaren und kitschiger elektronischer Musik versehen, weil die Tonaufnahmen zu schlecht waren.
Außerdem erschienen ist ein gleichnamiges Buch der Ortsbezeichnungen mit genauen Karten und erklärenden Texten.

http://www.projekte.kreckow.de/sibirien/